in: Hirnforschung und Willensfreiheit, Christian Geyer (Hsg), edition suhrkamp (2004)
Was wir erleben ist also das Ergebnis einer Konstruktion. [...] Man kann Menschen in bestimmten
Gehirnbereichen, im sogenannten Thalamus, künstlich so reizen, daß sie einen Finger bewegen. Befragt
danach, ob sie diese Bewegung geplant und gewollt haben, verneinen sie dies erwartungsgemäß. Man kann
in einem weiteren Experiment die Fingerbewegung auch durch Reizung in einem anderen Gehirnbereich, dem
motorischen Kortex, auslösen. In diesem Experiment behaupten die Versuchspersonen erstaunlicherweise,
daß sie die Bewegung willentlich durchgeführt hätten. Hier liegt also das Erleben einer freien
Entscheidung vor, die aber in diesem Fall nachweislich von außen ausgelöst wurde.
[...]
Vielmehr sollte uns die Erkenntnis-mitunter als die vierte kopernikanische Wende bezeichnet-, daß unser
Erleben, also wir selbst, das Konstrukt eines physikalischen Systems ist, zugleich Bescheidenheit und
Erstaunen lehren.