in: Hirnforschung und Willensfreiheit, Christian Geyer (Hsg), edition suhrkamp (2004)
So stellt auch das bisherige Wissen der Geschichtswissenschaft [...] eine eigentümlich verworrene,
unkritische Mixtur aus Geschehenem, Geglaubten, irrtümlich Erinnertem und gutwillig Kolportiertem, eben
von Wahr und Falsch dar, die gegenwärtig niemand zu durchschauen vermag.
[...]
Das menschliche Gedächtnis liefert keine gesicherten Daten für die selbst erlebte Vergangenheit,
obgleich wir Menschen auf seine Erinnerungskünste angewiesen sind. Es erinnert sich-aber unzuverlässig.
Es stellt Zusammenhänge her-aber unter Ausschaltung von Fakten [...] Es bietet keine wahre Geschichte,
sondern ein im Augenblick des Erinnerns mögliches oder nützliches Konstrukt, einen gerade und nur
"jetzt" aktuellen Sinn.
[...]
Die Tests offenbaren endlich, daß die Intensität einer detailreichen episodischen Erinnerung verblaßt
und diese in ein generalisierendes, nur eine allgemeine Bedeutung bewahrendes semantisches Erinnern
übergeht, das sogar völlig auf die Memoration des auslösenden Geschehens verzichten, ja, sich an ein
ganz anderes anbinden kann.
[...]
[...] das Gewißheitssyndrom [...] Erinnerung wird sich aus sich heraus ihres Falschseins oder des
Grades ihrer Verfälschung nicht bewußt; sie kann sich nicht selbst kontrollieren. Sie ist sich in der
Regel ihrer Sache sicher. Ohne eine unabhängige Kontrollmöglichkeit wäre die Fehlerhaftigkeit des
Erinnerten nicht zu erkennen.